Grußwort


Als Pablo Picasso 1945 eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen sah, sagte er nachdenklich: „Als ich so alt war wie diese Kinder, da konnte ich zeichnen wie Raffael. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich zeichnen konnte wie diese Kinder.“ Kindliche Kreativität war für ihn die Grundlage des schöpferischen Gestaltens. Eine Grundlage, die Kindern nur allzu oft abgewöhnt wird oder abhanden kommt. Durch zu viel oder zu wenig Kunstunterricht, Vorbilder aus der Werbung, denen sie nacheifern, entmutigende Erwachsenen-Kommentare wie: „Da erkennt man doch gar nichts“ oder „Ein Auto sieht doch ganz anders aus!“

Was für das Zeichnen und Malen gilt, gilt auch für das Spiel mit der Sprache, das Schreiben. Fast jedes Kind tut es gern. Hat Spaß an scheinbar unsinnigen, skurrilen, traumhaften Geschichten, an Wortgebilden, „die es doch gar nicht gibt“, an Phantasiesprache, der Neuerfindung grammatikalischer „Regeln“. Aber ist das „erlaubt“? Ist das nicht „falsch“? Ein Fall für den gefürchteten Rotstift des Deutschlehrers?

„Als ich einmal sehr krank war, fühlte ich mich wie eine Katze auf dem Riesenrad“, schrieb mein Sohn einmal in sein Aufsatzheft. Er war ungefähr zehn. Ergebnis: eine Fünf. Eine Katze fährt nun mal nicht Riesenrad. Und woher wollte er überhaupt wissen, wie man sich als Katze fühlt? – So wird Kreativität abtrainiert. Es muß alles vernünftig und vor allem richtig sein. Phantasie? Kaum gefragt. Gefühle? Privatsache. Und später, in der gymnasialen Oberstufe, werden sich viele dieser ehemaligen Kinder irritiert fragen, warum denn die anderen, die großen modernen Dichter und Maler, die Perspektive, die Gegenständlichkeit, die Vernunft sprengen durften und damit weltberühmt wurden, was denn der Expressionismus oder gar Dadaismus anderes war als eine Rückkehr zu Wörtern und Bildern der Kindheit?

An diesem Punkt haben Andrea Karimé und Beate Gördes, die beiden Leiterinnen dieses workshops, mit großem Erfolg angesetzt. Sie haben den 30 Kindern der „Bärenklasse“ Mut gemacht. Mut, ihre Phantasien und Träume aufzuschreiben, ohne Rücksicht auf Kommata, Logik und die sogenannte „Vernunft“, auf Zensuren und kritisierende Kommentare. Nur lebendig und persönlich sollten die Bilder und Geschichten sein. Ausgehend von den Anregungen, die im workshop gegeben wurden: Himmel, Sonne, Vögel, große blaue Falter, Traumwelten, Einhörner, Heimat, Phantasiesprache, Wunschhäuser.

Entstanden sind wunderschöne Texte und Bilder, die zum Teil wie Traumprotokolle wirken, von Himmeln, die man anfassen kann, Welten, die von Borritos beherrscht werden, von müden Vanillekindern, Lollis, die sich in Vögel verwandeln, Hunden mit Waschbärschwänzen, Hydranten, die Rechenaufgaben ausspucken oder vom wunderbaren Leben auf dem Planeten Fußball. Fast alle Kinder wünschen sich, in einer Traumvilla zu leben, die in einem südlichen Land steht, einer Villa mit 50, 600, ja sogar 800 Zimmern, in denen alles aus Gold ist, Chefköche Pfannkuchen backen und lauter seltsame Vögel und Fische leben. Ein Traum, der einen sehr realen Hintergrund hat. Denn Humboldt-Gremberg, der Stadtteil, aus dem diese Kinder stammen, gilt als Gebiet mit „erhöhtem Erneuerungsbedarf“, wie es im Amtsdeutsch heißt, mit vielen sanierungsbedürftigen Mietshäusern, deren Wohnungen meist nicht größer als 60 Quadratmeter sind und doch mehrköpfigen Familien Raum bieten müssen. Manchmal werden auch Ängste, kindliche Ängste, deutlich, die wir Erwachsenen gern überhören oder übersehen. Die Angst vor Krankheiten, vor der Armut, vor dem Tod, dem Verlust der Eltern und Großeltern, einer Sonne, unter deren glühender Hitze die Augen verbrennen, so daß man sich „Eisenaugen“ zulegen muß. Aber meistens, ja eigentlich immer, gehen die Geschichten gut aus. Denn Tschupaja, Bongo, Bongolo und Giada, so die Phantasienamen einiger ihrer Heldinnen und Helden, sind stark und finden in ihrer Traumwelt immer wieder gute Verbündete, einen blauen Falter, der eigentlich ein König ist oder einen Teddybär, der dem kranken Kind einen Arzt ans Bett ruft.

Nein, man muß sich um die 30 Kinder der „Bärenklasse“ wahrlich keine Sorgen machen, wenn sie so phantasievoll und selbstbewußt bleiben wie sie sind. Sie stammen aus acht verschiedenen Nationen, aber alle sprechen und schreiben so gut Deutsch, daß sie „ihre“ Geschichte auf Deutsch schreiben konnten. Genauso problemlos wie in ihren Herkunftssprachen, die im Elternhaus und an der multilingualen Schule gepflegt werden, weshalb wir uns entschlossen haben, viele der Texte zweisprachig abzudrucken – mit Übersetzungen, die teils von den Kindern ganz allein, teils mit Hilfe der Eltern und Lehrerinnen erarbeitet wurden. Schade, daß Herr Sarrazin, der die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert erklärt, dieses Buch nicht lesen kann, dieses Buch, in dem sich neunjährige Kinder über den Begriff „Heimat“ äußern und in dem Saliha, ein türkisches Mädchen, schreibt:


Willkommen bedeutet:

„Hallo in der neuen Welt!

Kann ich Ihnen helfen?

Geht es Ihnen in der neuen Welt gut?“


Hoşgeldin    

Hoşgeldinin anlamı

“Merhaba yeni dünya!

Size yardım edebilir miyim?

Yeni dünyada iyi misiniz?“


Dr. Eva Weissweiler, Autorin

Laulali, Vanillekind


Kinderkulturpreis-NRW 2012 
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AURA 09 (Aktion Unabhängiger Rhein-Ruhr-Autoren) e.V.

c/o Dr. Eva Weissweiler (Vorstandsvorsitzende)

Ostmerheimer Str. 261

51109 Köln


Kontakt: info(at)aura09.de

Telefon: 0221 215170


Registergericht: Amtsgericht Köln

Registernummer: 43 VR 16049


Vertreten durch:

Dr. Eva Weissweiler (Vorsitzende)

Hermann Spix (Stellvertreter, Schriftführer)

Prof. Klaus Kammerichs (Kassenführer)



Letzte Aktualisierung  8-Jul-13   21:08

Webseitengestaltung Beate Gördes

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Ein interkulturelles Kinderprojekt von AURA 09 e. V. mit Andrea Karimé und Beate Gördes und SchülerInnen der Europaschule

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